Zur Bundestagswahl

Als trans Frau und Baptistin habe ich die gestrige Bundestagswahl mit großer Sorge verfolgt.

Wie viele Menschen würden transfeindliche Parteien wählen? Wie viele dieser Parteien würden anschließend wie stark im neuen Bundestag vertreten sein?

Das Ergebnis ist nicht so gut wie erhofft, schlimmer als erwartet, aber wenigstens nicht ganz so schlimm wie befürchtet.

Die transfeindliche sog. AfD steht bei rund 20 %, die transfeindliche Union bei rund 30 %. Wenigstens ist das BSW, eine weitere transfeindliche Partei, knapp an der 5-Prozent-Hürde gescheitert. Dafür ist die FDP, die Transrechte im Allgemeinen unterstützt, ebenfalls daran gescheitert.

Für mich als trans Frau heißt das:

Im neuen Bundestag sitzen Abgeordnete, von denen jeder zweite trans* Personen in ihrer Freiheit, in ihren Rechten beschneiden will.

Die Abgeordneten der AfD etwas mehr, die der Union etwas weniger.

Als trans* Frau und Baptistin wünsche ich mir von meiner eigenen Kirche, dem Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (BEFG), und von den anderen christlichen Kirchen im Land, dass transfeindlichen Äußerungen und Forderungen im Bundestag entschieden widersprochen wird.

Und das ist seit gestern noch wichtiger als je zuvor, weil der neue Bundestag deutlich transfeindlicher ist als der vorherige.

Das zeigt sich bereits beim Kanzlerkandidaten der Union, der bereits angekündigt hat, das erst im November 2024 in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz wieder abschaffen zu wollen. Ohne Belege und entgegen aller Tatsachen behauptet er schon jetzt, es habe sich angeblich erwiesen, dass das Selbstbestimmungsgesetz „falsch“ sei.

Gegen diese Transfeindlichkeit im Bundestag benötigen wir den Beistand der christlichen Kirchen.

Das beginnt damit, dass die Kirchen uns trans* Personen aufmerksam zuhören. Es ist wichtig, dass sie mit uns sprechen und nicht über uns oder über unsere Köpfe hinweg. Wir wollen ernst genommen, als mündige Gesprächspartner akzeptiert werden.

Wir trans* Menschen – die wir übrigens alle einmal trans* Kinder waren, da Trans*sein angeboren ist – wissen am besten, was für uns gut ist.

Wir sind Expert*innen, wenn es um Trans*sein geht. Auch um das Trans*sein bei Kindern; denn wie ich schon schrieb: Wir alle waren selbst einmal trans* Kinder. Wir haben alle Erfahrung damit, was es bedeutet, eine Kindheit, eine Pubertät, eine Jugend als Trans* zu haben.

Übrigens: 95–98 % der Kinder, die sich als trans* geoutet haben, bleiben ihr Leben lang dabei. Die, die damit aufhören, tun dies fast ausnahmslos aufgrund von Mobbing, Ausgrenzung, Diskriminierung oder infolgedessen, dass ihnen eingeredet wird, dass sie doch nicht trans* seien – und nicht, weil sie tatsächlich nicht trans* sind. Das kommt zwar vor, aber nur sehr selten.

Eine psychotherapeutische Begleitung von trans* Personen muss emphatisch und affirmativ sein. Affirmativ bedeutet, sie muss die Klient*innen darin unterstützen, ihre trans*geschlechtliche Identität zu erforschen, zu bejahen, zu festigen und zu integrieren. Ist eine Person doch nicht trans*geschlechtlich, so wird sich das bei einer solchen Therapie recht schnell zeigen, da die Festigung und Integration dann nicht gelingen werden und die Person dies selbst erkennt.

Eine solche Begleitung darf nicht, weder offen noch getarnt, als Konversionstherapie trans* Personen und besonders trans* Kindern und Jugendlichen irreversible Schäden zufügen. Auch sogenannte hinterfragende Therapien verursachen irreversible Schäden und können zu Depressionen und sogar zu Suizidversuchen führen. Sie sind sehr gefährlich.

Ebenso gefährlich ist es, trans* Kinder zu zwingen, die Pubertät durchzumachen. In keiner Phase ihres Lebens sind trans* Kinder mehr gefährdet als während der Pubertät. In dieser Phase steigt das Risiko, an Depressionen zu erkranken oder einen Suizidversuch zu unternehmen, sehr stark an.

Trans* Personen besitzen einen enormen Erfahrungsschatz zum Thema Trans*sein. Diesen Erfahrungsschatz besitzt sonst niemand. Er kann nicht durch Studium oder therapeutische Erfahrung erlernt werden. Und doch werden wir als Expert*innen in eigener Sache oft ignoriert oder nicht ernst genommen. Wir werden immer wieder entmündigt.

Das ist, als würden Rechtshänder*innen entscheiden, was für Linkshänder*innen am besten ist (und ja, das war bis vor einigen Jahrzehnten noch üblich).

Wir wollen gehört und ernst genommen werden – und wir wollen, dass sich die christlichen Kirchen für uns einsetzen und fordern, dass Transrechte als Menschenrechte anerkannt und geschützt werden. Wir wollen, dass Selbstbestimmung für trans* Personen geschützt wird. Wir wollen nicht stigmatisiert und pathologisiert werden. Wir wollen nicht entmündigt werden.

Transrechte sind Menschenrechte. Sie sind keine Sonderrechte, sondern bedeuten, dass wir die gleichen Rechte genießen können wie cis Personen.


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